Mittwoch, 30. September 2015

277 Tage in Gefangenschaft - Artikel von Monika Andruszewska





Das Schicksal von Dymitro Kukisz entschied sich im Kampf um den strategisch wichtigen Verkehrsknotenpunkt der Kleinstadt Ilowajsk. Im Sommer 2014 befanden sich die ukrainischen Streitkräfte auf dem Vormarsch und fügten den „Separatisten“ ein um das andre Mal Niederlagen zu. Doch als sie kurz davor standen, über Ilowajsk die Kontrolle zu gewinnen, überschritten reguläre russische Einheiten die Grenze und kesselten die ukrainischen Kämpfer ein. Letztere erlitten hohe Verluste, viele starben, viele gerieten in Gefangenschaft.

Unter den Gefangenen war auch Dymitro Kukisz, einer der Befehlshaber des Freiwilligenbataillons „Donbass“, das er als gut situierter Geschäftsmann mit der nötigen Ausrüstung versorgt hatte.

Weil die „Separatisten“ Aufnahmen von den Gefangenen ins Internet gestellt hatten, wusste Dymitros Frau Swetlana, dass ihr Mann lebte. Mit über zwei Metern Körpergröße war er unter den übrigen Gefangenen leicht zu erkennen. Doch weitere Bilder zeigten, dass sich sein Gesundheitszustand von Mal zu Mal verschlechterte. Swetlana erreichten alarmierende Nachrichten: Ihr Mann habe zahlreiche Brüche an Beinen, Händen und Rippen. Offenbar erhielt Dymitro seiner besonderen Bedeutung wegen seitens der „Separatisten“ eine „Sonderbehandlung“.

Swetlana versuchte, ihren Mann freizukaufen. Man verlangte von ihr 50 000 Dollar. Sie zahlte die Summe, wartete aber weiter vergeblich auf die Heimkehr ihres Mannes.

Im Dezember 2014 entließen die Russen 140 Gefangene des Bataillons „Donbass“. Dymitro war nicht unter ihnen.

Im Januar 2015 erfuhr Swetlana, dass ihr Mann im Namen der „Volksrepublik Donezk“ zu 25 Jahren Haft verurteilt worden war. Ohne Prozess, ganz wie in Zeiten des Stalinismus. Die gleiche Strafe traf ein weiteres Mitglied des Bataillons, einen aus Donezk stammenden Studenten, dem man seiner Herkunft wegen Landesverrat vorgeworfen hatte. Beide wurden in die Zelle eines besonders berüchtigten Kriminellen mit dem Spitznamen „König“ gesperrt. Zudem streuten die Gefängnisbehörden das Gerücht, sie hätten Frauen und Kinder sowie Gefangene ermordet. Die offensichtliche Absicht war, die Mithäftlinge zu ermuntern, sie umzubringen. Doch der Plan ging nicht auf. Als „König“ die wahre Geschichte seiner Leidensgenossen erfuhr, stellte er sie unter seinen Schutz.

So bedrückend die Nachricht von der Verurteilung ihres Mannes auch für Swetlana war, sie überließ sich nicht einer untätigen Trauer, sondern sann darüber nach, wie sie Dymitro zurückbekommen konnte. Eines Tages setzte sie sich in ihren Jeep, fuhr an die Front und besuchte Bataillon um Bataillon. Sie bat darum, sie über eventuelle Gefangennahmen zu informieren. Im Mai 2015 meldeten Soldaten des „Rechten Sektors“ die Gefangennahme eines „separatistischen“ Kämpfers. Es stellte sich heraus, dass es sich um den Sohn eines Kommandeurs handelte. Über informelle Kanäle unterbreitete man ihm den Vorschlag, Dymitro gegen seinen Sohn auszutauschen. Am 4. Juni 2015 war Dymitro nach 277 Tagen Haft auf freiem Fuß.

Er hatte in diesen Monaten Schlimmes erfahren, war physisch und psychisch gefoltert worden. Viermal hatte er eine Scheinexekution erlebt. Trotz all dieser Qualen ist er entschlossen, an die Front zurückzukehren, sobald ihm sein Gesundheitszustand dies erlaubt. Und dies obwohl er weiß, dass ihm dort nach den Regeln der „Separatisten“ der Tod durch Erschießen droht, falls er ein weiteres Mal in Gefangenschaft geraten sollte.

Quelle: Monika Andruszewska, 277 dni Dymitra (Die 277 Tage des Dymitro), Tygodnik Powszechny 35/2015, S. 44f. Übersetzer: Dr. Theo Mechtenberg