Dass das Internet zu einer Bedrohung autoritärer und
diktatorischer Systeme werden kann, dafür gibt es zahlreiche Beispiele, als
jüngstes die Protestbewegung der Studenten in Hongkong. Auch die politische
Entwicklung in der Ukraine, die zur Vertreibung von Präsident Wiktor Janukowitsch
führte und ihre Westorientierung einleitete, nahm ihren Anfang durch den
Facebook-Aufruf „wer geht mit mir?“ von Mustafa Najem, eines übrigens aus
Afghanistan stammenden moslemischen Journalisten. Ihm folgten Tausende, die
sich auf dem Kiewer Majdan versammelten, bei bitterer Kälte monatelang
aushielten, zivilgesellschaftliche Strukturen bildeten, der Gewalt trotzten und
damit den Grundstein für einen gesellschaftlichen und politischen Neubeginn der
Ukraine legten.
Hat auch Putin eine solche, über das Internet ausgelöste
Entwicklung zu fürchten? Angesichts einer achtzig prozentigen Unterstützung
durch die Bevölkerung, der sich der russische Präsident derzeit erfreuen kann,
scheint eine solche Frage müßig. Und doch. Ihr geht der in Moskau akkreditierte
polnische Journalist Tomasz Kułakowski im Tygodnik Powszechny vom 26. Oktober
2014 nach. Unter der Überschrift „Klicken nach Gesetz“ verweist er darauf, dass
Ende September in den Medien das Gerücht auftauchte, die Regierung bereite die
Abtrennung des Landes vom globalen Internet vor. Weil bereits ein derartiges
Gerücht die Massen zur Verteidigung der Internetfreiheit auf die Straße bringen
könnte, sah sich wohl Putin persönlich gedrängt zu versichern, „dass Russland
keine totale Kontrolle des Internet einführt“. Diese Feststellung – so
Kułakowski – habe nicht unbedingt zur Beruhigung beigetragen, lasse sie doch
die Möglichkeit einer nicht totalen Kontrolle offen. Und um die geht es denn
auch in seinem Beitrag.
An der Entschlossenheit, es nicht zu Erscheinungen wie in der
Ukraine und in Hongkong kommen zu lassen, bestehe kein Zweifel. So seien 2014
in Russland einige Gesetze in Kraft getreten, die eine deutliche Nähe zu dem
chinesischen Modell zeigen, das Netz unter staatliche Kontrolle zu bringen.
Danach könnten unter dem Vorwand „extremistischer Verbreitung“ ohne
Gerichtsbeschluss Internetseiten blockiert sowie durch eine Entscheidung des
Generalstaatsanwalts Netzwerke wie Facebook und Twitter lahmgelegt werden.
Diese „zum Schutz der Russen“ erlassenen Gesetze würden in Wahrheit der
Unterdrückung der Opposition dienen.
Dass das am 1. Januar 2014 in Kraft getretene Blockadegesetz
auch angewandt werde, sei von der Medienaufsicht sogar offiziell bestätigt
worden. Danach habe man über 600 Seiten blockiert, darunter den Blog von Aleksej
Nawalny, die Seite von Garry Kasparow und das freie Portal grani.ru.
Auch das von Putin im Juli 2014 unterschriebene
Datenschutzgesetz diene letztlich staatlicher Kontrolle. Es nötige Facebook,
Twitter und Google, „Tochterfirmen zu gründen. Auf diese Weise befinden sie
sich unter russischer Jurisdiktion. Zugleich eröffnet diese den Geheimdiensten
den Zugang zu einem gewaltigen Datenmaterial.“
Kułakowski kommt zu dem unter den gegebenen Bedingungen
optimistisch zu nennenden Schluss, dass den Russen derzeit keine totale
Kontrolle des Internet drohe, sondern es bei der bisherigen Praxis „punktueller
Repression“ im Internet bleibe. Verfasst von Dr. Theo Mechtenberg
Quelle: Tygodnik Powszechny vom 26. Oktober 2014
Links:
http://navalny.livejournal.com/
(Blog von Alexej Nawaljny)
http://www.kasparov.ru/ (Internetseite von Garry Kasparow)
http://grani.ru/
http://www.kasparov.ru/ (Internetseite von Garry Kasparow)
http://grani.ru/