Der russische Schriftsteller Boris Akunin, Verfasser von rund
50 Romanen, zählt zu Putins intellektuellen Kritikern. Im Rahmen des Krakauer
Conrad-Festivals erteilte er dem „Tygodnik Powszechny“ ein Interview, das am 2.
November 2014 unter dem Titel „Putin to nastolatek“ (Putin – ein Halbstarker)
veröffentlicht wurde.
In diesem Interview erfährt der Leser, dass Akunin in dem
russischen Magazin „Skwer“ ein zwölfseitiges Ferngespräch mit dem Lagerhäftling
und einstigen Milliardär Chodorkowski veröffentlichte. Der Kontakt kam auf
Wunsch von Chodorkowski zustande, der durch seine Mutter Akunin fragen ließ, ob
er zu einem Dialog mit ihm bereit wäre. Akunin, der den Prozess gegen
Chodorkowski im Gerichtssaal verfolgt hatte und fasziniert war, mit welchem
„Ernst, mit außergewöhnlicher Würde“ dieser das Urteil aufnahm, sagte zu.
Das Ferngespräch kam zustande, doch es zu veröffentlichen,
war nicht leicht. Akunin erhielt zu jener Zeit von verschiedenen Medien das
Angebot zu einem Interview mit einem Gesprächspartner seiner Wahl. Doch als er
den Namen Chodorkowski erwähnte, brach jedes Mal der Kontakt ab. Lediglich die Redaktion von „Skwer“ zeigte
die in Russlands Presselandschaft für ein solches Vorhaben offenbar erforderliche
Zivilcourage.
Für Chodorkowski blieb diese Veröffentlichung nicht
folgenlos. Sie trug ihm zwölf Tage Karzer bei Wasser und Brot ein – jeweils
einen Tag für eine Seite. Doch diese zwölf Seiten haben sich dennoch für ihn
gelohnt. Sie fanden ein breites Echo. Chodorkowski konnte auf diese Weise
öffentlich erklären, „dass alles, dessen man ihn beschuldigte, Lüge ist.“
In diesem Interview äußert sich Akunin auch zu Russlands
Präsidenten. Auf die Frage nach dem wahren Putin antwortet er: „Mir scheint, er
ist ‚innerlich‘ ein Halbstarker. Etwa sechzehnjährig. Das ist der fundamentale
Kontext, den wir in Betracht ziehen müssen, wenn wir sein Handeln bewerten.
Halbstarke rebellieren gegen Erwachsene und ihre Verhaltensnormen. In Putins Welt
gilt die primitive Teilung in Eigene und Fremde. Es ist dies eine auf Komplexe
fußende Welt, in der das Minderwertigkeitsgefühl eine Umwertung ins Gegenteil
erfährt. Natürlich, wäre dies alles nur Putins privates Problem, dann wäre dies
nicht der Rede wert. Aber es ist noch etwas. Ihr inneres Alter haben nicht nur
die Führer des Landes, es gilt auch für die Gesellschaft als solche. Die
russische Gesellschaft ist gleichfalls sehr unreif. Gerade deswegen kommt Putin
mit ihrer Kontrolle hervorragend zurecht. Er bedient die Knöpfe und entfacht
die Emotionen, die er bestens kennt. Putins größtes Verbrechen besteht darin,
dass er Russland nicht erlaubt, erwachsen zu werden.“
Vor gut einem Jahr, so Akunin, habe Putin für kurze Zeit
seine Taktik geändert. Er ließ die Greenpeace-Aktivisten, die Pussy-Riot-Frauen
und schließlich auch Chodrokowski frei. Ihm habe daran gelegen, die damalige,
von Protesten bestimmte gesellschaftliche Stimmung zu mildern. „Doch dann brach
die Revolution in der Ukraine aus. Es kam zu dem, was Putin am meisten
befürchtet. Er erschrak so sehr, dass er beschloss, Härte zu zeigen, indem er
Russland in einen Polizeistaat verwandelte. Solche Pendelschläge sind für Halbstarke
typisch. Man kann das rational nicht anders erklären. Ein reifer Mensch handelt nicht so: Es gibt niemand zig Milliarden für
die Olympiade in Sotschi aus, die das Russlandbild in der Welt verbessern soll,
um danach alles zunichte zu machen.“
Das Interview endet mit der Frage nach Russlands Zukunft.
Akunins Antwort: „Ich meine, dass Russland ein demokratischer Staat wird. Dazu
gibt es keine Alternative. Ich befürchte jedoch, dass der Übergang schwer und
blutig sein kann. Wenn wir Glück haben, so Gott will, dann gelingt uns das ohne
Blutvergießen.“