Unter „Boeing-Fälschungen“ berichteten wir in „das ostblog“ im
November von einer „Reportage“ im ersten Kanal des russischen Fernsehens, die
beweisen sollte, dass die malaysische Boeing 777 MH – 17 mit 298 Insassen an
Bord, unter ihnen 38 Australier, von ukrainischen Jagdmaschinen abgeschossen
worden sei. Kurze Zeit später wurde diese „Reportage“ als Fälschung entlarvt.
Es war wohl kaum zufällig, dass diese Sendung unmittelbar vor
dem australischen G–20 Gipfel ausgestrahlt wurde, an dem auch Putin teilnahm und
vorzeitig abreiste. Die „Reportage“ verfolgte offenbar das Ziel, Putin auf dem
Gipfel vor unangenehmen Nachfragen zu bewahren.
Neben dem in „Boeing-Fälschungen“ enthaltenen Quellenverweis
ist auch „bellingcat.com“ erwähnenswert. Unter dieser Netzadresse
veröffentlichte, wie im „Tygodnik Powszechny“ vom 23. November 2014 nachzulesen
ist, eine von dem Briten Eliot Higgins geleitete Gruppe unabhängiger Journalisten
eine Rekonstruktion dieses Verbrechens. Unter Auswertung der im Internet
reichlich vorhandenen Bilder und Filme kommt sie zu dem Schluss, dass MH-17 von
einer Luftabwehrrakete „Buk“ getroffen wurde. Sie sei von der in Kursk
stationierten 53. Luftabwehrbrigade nach Donezk gebracht worden. Der Transport
in der Zeit vom 23. Juni bis zum 17. Juli, dem Abschusstag, lasse sich durch
das Fotomaterial vieler Beobachter lückenlos dokumentieren. Gleiches gelte für
den Rücktransport der Batterie, nachdem sich herausgestellt hatte, dass eine
Passagiermaschine und kein ukrainisches Militärflugzeug abgeschossen worden war.
Die Fälschung vor dem G-20 Gipfel ist das bislang letzte
Glied in einer Kette von Vertuschungen und lügnerischen Behauptungen, mit denen
Russland und die prorussischen Separatisten seit dem Tag des Abschusses der Boeing
777 die Weltöffentlichkeit wissen lassen möchte, die Ukraine trage die Schuld
an dieser Katastrophe. Diese Kette beginnt damit, dass die Separatisten
unabhängigen Beobachtern, darunter auch eine OSZE-Mission, mit Waffengewalt den
Zutritt zur Absturzstelle verwehrten, was ihnen die Möglichkeit bot,
belastendes Material beiseite zu schaffen. Gleichfalls der Vertuschung diente
die Löschung der im Internet sowie auf
„V Kontakte“, dem russischen Facebook, verbreiteten Information, mit der sich
die Separatisten rühmten, eine ukrainische Transportmaschine vom Typ An 26
abgeschossen zu haben, und die sie dann schnellsten beseitigten, nachdem sich
herausgestellt hatte, dass eine Passiermaschine getroffen worden war.
Nach den Vertuschungen kamen die Lügen. Und diese gleich in
mehreren Versionen: Die Maschine sei nicht im Raum Donezk, sondern in er Nähe
der von Ukrainern kontrollierten Stadt Dnjepropetrowsk abgeschossen worden; die
Separatisten unterstellten dabei den Ukrainern, sie hätten eigentlich die
Maschine treffen wollen, mit der Wladimir Putin an diesem Tag von seiner Südamerikareise
nach Moskau zurückgekehrt sei; besonders absurd die Aussage vom russischen
Geheimdienstoffizier Igor Girkin, mit dem Pseudonym „Striełkow“, dem
selbsternannten „Verteidigungsminister der „Republik Donezk“, im Portal „Rosyska
Wiosna“ (Russischer Frühling), es habe sich um eine medizinische Maschine mit
Leichen gehandelt; Putin selbst meinte: Wenn die Maschine in der Ukraine abgestürzt
sei, dann trage sie auch die Verantwortung dafür – ein Bumerang-Argument, denn
nach dieser Logik träfe Russland die Schuld an der Katastrophe von Smolensk,
bei der am 10. April 2010 die polnische Regierungsmaschine mit Präsident Lech
Kaczyński und weiteren 95, zumeist hochrangigen Opfern verunglückt war.
Dieses Lügengespinst hat im Westen seine Wirkung nicht verfehlt.
Bis heute gibt es für den Absturz der MH-17 keine unzweideutige Schuldzuweisung
an Russland und die prorussischen Separatisten, geschweige denn
Entschädigungsforderungen.
Benutzte Quelle: Paweł Pieniążek, Rosyjskie śledztwo nie
będzie uczciwe (Die russische Untersuchung wird nicht ehrlich sein), Tygodnik
Powszechny vom 27. Juli 2014.