Dass Putins Politik darauf abzielt, die russische
Einflusssphäre zu erweitern, um damit unter Beweis zu stellen, dass sein Land
keine, wie Obama meint, bloße
„Regionalmacht“ ist, sondern eine respektable Großmacht in Augenhöhe mit den
USA, steht angesichts der Annexion der Krim und dem politischen wie
militärischen Engagement Russlands in
der Ostukraine außer Frage. Doch Putins Interesse bleibt in diesem Kontext
nicht allein auf die Ukraine beschränkt. Er ist auch bemüht, verlorenes Terrain
auf dem Balkan zurückzugewinnen und zumal eine Aufnahme Serbiens in die
Europäische Union zu blockieren.
Der Balkan ist bekanntlich ein historischer Unruheherd. So
wurde in diesem Jahr im Rahmen des Gedenkens an den Ausbruch des Ersten
Wertkriegs vor 100 Jahren des als Auslöser dieser Tragödie geltenden Attentates
von Sarajewo gedacht. Und die mit dem Zerfall von Jugoslawien in den 1990er
Jahren verbundenen ethnischen Säuberungen, kriegerischen Verwicklungen sowie
die humanitäre Intervention der Nato bestätigten aufs Neue die vom Balkan
ausgehende Gefährdung einer europäischen Friedensordnung, zumal aus diesem
Konflikt eine äußerst labile politische Neuordnung dieses Raumes hervorging.
Das jüngste Beispiel dieser Instabilität ist der als
„Fußballkrieg“ in die Sportgeschichte eingegangene Skandal um das Belgrader
Qualifikationsspiel zur Fußballeuropameisterschaft zwischen Serbien und
Albanien am 14. Oktober 2014. Gegen Ende der ersten Halbzeit tauchte über dem
Stadion eine Drohne mit einer Fahne in den Umrissen eines Großalbaniens auf,
die von einem serbischen Spieler heruntergerissen wurde, worauf es auf dem Feld
zu einer Prügelei kam; das Spiel musste abgebrochen werden.
Zwei Tage später traf der russische Präsident in Belgrad ein,
um an der Militärparade aus Anlass des 70. Jahrestages der Befreiung der Stadt
durch Titos Partisanen und die Rote Armee teilzunehmen. Putin nahm die
Gelegenheit wahr, um der serbischen Führung zu versichern, dass der Kreml die
infolge des Jugoslawienkrieges gewonnene Unabhängigkeit des Kosovo nicht
anerkenne. Im Gegenzug ließ man ihn wissen, dass sich Serbien den gegen
Russland verhängten Sanktionen nicht anschließen werde. Und dies alles auf dem
Hintergrund, dass eine Anerkennung des Kosovo eine conditio sine qua non für die von Serbien angestrebte Aufnahme in
die Europäische Union darstellt und die EU ihren Beitrittskandidaten drängt,
sich den gegen Russland verhängten Sanktionen anzuschließen.
Russland betrachtete immer schon den Balkan als Einflusssphäre.
Unter der Protektion des Zaren entstand im ersten Balkankrieg Anfang des
letzten Jahrhunderts das gegen Österreich-Ungarn gerichtete Balkanbündnis
orthodoxer Völker. Als serbische Schutzmacht zogen dann wenig später russische
Soldaten in den Ersten Weltkrieg. Und in den kriegerischen Auseinandersetzungen
auf dem Balkan vor zwei Jahrzehnten stand Russland an der Seite von Serbien;
bis zuletzt versuchte die russische Führung auf internationaler Ebene, die
Unabhängigkeit des Kosovo zu verhindern.