Mittwoch, 24. Dezember 2014

Putins Engagement auf dem Balkan - Von Dr. Theo Mechtenberg



Dass Putins Politik darauf abzielt, die russische Einflusssphäre zu erweitern, um damit unter Beweis zu stellen, dass sein Land keine, wie Obama meint,  bloße „Regionalmacht“ ist, sondern eine respektable Großmacht in Augenhöhe mit den USA, steht angesichts der Annexion der Krim und dem politischen wie militärischen Engagement Russlands  in der Ostukraine außer Frage. Doch Putins Interesse bleibt in diesem Kontext nicht allein auf die Ukraine beschränkt. Er ist auch bemüht, verlorenes Terrain auf dem Balkan zurückzugewinnen und zumal eine Aufnahme Serbiens in die Europäische Union zu blockieren.
Der Balkan ist bekanntlich ein historischer Unruheherd. So wurde in diesem Jahr im Rahmen des Gedenkens an den Ausbruch des Ersten Wertkriegs vor 100 Jahren des als Auslöser dieser Tragödie geltenden Attentates von Sarajewo gedacht. Und die mit dem Zerfall von Jugoslawien in den 1990er Jahren verbundenen ethnischen Säuberungen, kriegerischen Verwicklungen sowie die humanitäre Intervention der Nato bestätigten aufs Neue die vom Balkan ausgehende Gefährdung einer europäischen Friedensordnung, zumal aus diesem Konflikt eine äußerst labile politische Neuordnung dieses Raumes hervorging.
Das jüngste Beispiel dieser Instabilität ist der als „Fußballkrieg“ in die Sportgeschichte eingegangene Skandal um das Belgrader Qualifikationsspiel zur Fußballeuropameisterschaft zwischen Serbien und Albanien am 14. Oktober 2014. Gegen Ende der ersten Halbzeit tauchte über dem Stadion eine Drohne mit einer Fahne in den Umrissen eines Großalbaniens auf, die von einem serbischen Spieler heruntergerissen wurde, worauf es auf dem Feld zu einer Prügelei kam; das Spiel musste abgebrochen werden.
Zwei Tage später traf der russische Präsident in Belgrad ein, um an der Militärparade aus Anlass des 70. Jahrestages der Befreiung der Stadt durch Titos Partisanen und die Rote Armee teilzunehmen. Putin nahm die Gelegenheit wahr, um der serbischen Führung zu versichern, dass der Kreml die infolge des Jugoslawienkrieges gewonnene Unabhängigkeit des Kosovo nicht anerkenne. Im Gegenzug ließ man ihn wissen, dass sich Serbien den gegen Russland verhängten Sanktionen nicht anschließen werde. Und dies alles auf dem Hintergrund, dass eine Anerkennung des Kosovo eine conditio sine qua non für die von Serbien angestrebte Aufnahme in die Europäische Union darstellt und die EU ihren Beitrittskandidaten drängt, sich den gegen Russland verhängten Sanktionen anzuschließen.
Russland betrachtete immer schon den Balkan als Einflusssphäre. Unter der Protektion des Zaren entstand im ersten Balkankrieg Anfang des letzten Jahrhunderts das gegen Österreich-Ungarn gerichtete Balkanbündnis orthodoxer Völker. Als serbische Schutzmacht zogen dann wenig später russische Soldaten in den Ersten Weltkrieg. Und in den kriegerischen Auseinandersetzungen auf dem Balkan vor zwei Jahrzehnten stand Russland an der Seite von Serbien; bis zuletzt versuchte die russische Führung auf internationaler Ebene, die Unabhängigkeit des Kosovo zu verhindern.