Mittwoch, 24. Dezember 2014

Die neue Blockfreiheit der Ukraine – verzerrte Berichterstattung im „heute journal“ vom 23.12.2014



Am 23. 12. 2014 berichtete das „heute journal“, dass das ukrainische Parlament mit überwältigender Mehrheit für eine Gesetzesänderung stimmte, durch die nun die alte „Blockfreiheit“ der Ukraine abgeschafft ist; die Ukraine hat somit von nun an die gesetzliche Grundlage für einen eventuellen zukünftigen NATO-Beitritt geschaffen. Im „heute journal“ wurde dieser Schritt als Provokation gegenüber Russland und als Gefährdung der anstehenden Friedensverhandlungen zwischen Russland und der Ukraine  in Minsk gewertet, da Russland die Blockfreiheit der Ukraine in der Vergangenheit im Rahmen von Verhandlungen eingefordert habe und darauf bestehe; Claus Kleber sprach von einem „denkbar ungünstigen Zeitpunkt“ für die Abschaffung der Blockfreiheit. Zudem bemängelte er, dass die Ukraine offenbar Sicherheiten bei der NATO sucht, die diese ihr nicht geben könne.
Diese Art der Berichterstattung ist in mehrerer Hinsicht verzerrt. Zum einen hat nicht die Gesetzesänderung, die im ukrainischen Parlament beschlossen wurde, sondern der militärische Angriff Russlands auf die Ukraine die Blockfreiheit – sprich Neutralität – der Ukraine aufgehoben; ein Land, das von seinem Nachbarland angegriffen wird und sich daher mit ihm im Krieg befindet (ob mit oder ohne offizielle Kriegserklärung von Seiten des Aggressors) ist ipso facto nicht mehr neutral im Hinblick auf den Aggressor. Die Gesetzesänderung im ukrainischen Parlament ist die Anerkennung dieser von Putin geschaffenen Tatsache und nicht die Schaffung dieser Tatsache selbst. Zum zweiten hat Putin durch seine militärische Aggression gegen die Ukraine das Budapester Memorandum von 1994 verletzt, in welchem Russland, gemeinsam mit den USA und Großbritannien, die territoriale Integrität der Ukraine garantiert hatte. Im Gegenzug hatte die Ukraine auf Atomwaffen verzichtet. Russland, nicht die Ukraine, ist auf erschreckendste Weise vertragsbrüchig geworden. Drittens ist es falsch, angesichts des ukrainischen Parlamentsbeschlusses von einem falsch gewählten Zeitpunkt zu sprechen, weil Friedensverhandlungen mit Russland anstehen. Sinnvoll mit einem Gegner verhandeln kann man nur, wenn man entweder etwas zu bieten oder sich den Ruf erworben hat, eigenständige Interessenpolitik zu betreiben. Steht man hingegen im Ruf, in allen Punkten den Interessen des Gegners nachzugeben, sind Verhandlungen überflüssig.
Die verzerrte Berichterstattung in diesem Punkt ist erschreckend, aber im Grunde nicht verwunderlich. Zu fest verankert ist in den Köpfen vieler deutscher Journalisten bereits die Mär von der „Einkreisungsangst“ Putins vor der NATO und der „Mitschuld“ des Westens an dem Ukraine-Russland-Konflikt durch die Osterweiterung der NATO. Man müsse, so die Vertreter dieser Sichtweise, auf die Ängste unserer Nachbarn Rücksicht nehmen. Diese Sichtweise verkennt, dass die Osterweiterung der NATO genau auf eine solche Rücksichtnahme auf unsere Nachbarn zurückgeht: Die ehemaligen Ostblockstaaten, wie beispielsweise unser Nachbarland Polen, drängten nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion aus – wie sich nun herausstellt: berechtigten – Ängsten in die NATO, die diesem Drängen nachgab aus Rücksicht auf diese Ängste und aus einer historischen Verpflichtung gegenüber den Ländern, die doppelt Opfer des Zweiten Weltkriegs geworden waren, indem sie zuerst vom Terror des Hitler-Regimes und dann nach der Neuordnung Europas vom Terror Stalins überzogen worden waren. Russlands „Einkreisungsangst“ hingegen ist völlig irrational: Die NATO ist ein (übrigens recht schwerfällig-bürokratisches) Verteidigungsbündnis, das nur aktiv wird, wenn ein NATO-Land militärisch angegriffen wird und die NATO zusätzlich beschließt, diesen Angriff als Ernstfall zu werten. Kein NATO-Land würde je auch nur davon träumen, einen Angriffskrieg gegen Russland zu führen; und selbst für den Fall, dass ein NATO-Land von Russland angegriffen werden sollte, würde die NATO vermutlich die Anerkennung des „Ernstfalls“ so lange wie möglich hinauszögern und auf eine diplomatische „Lösung“ hoffen. Putin weiß das natürlich – wie man an seinem ungeniert aggressiven Gebaren erkennen kann.