Mittwoch, 24. Dezember 2014

Karikaturen als Zeichen des Widerstandes - Von Dr. Theo Mechtenberg



Von einem eventuellen Widerstand gegen die russischen Kräfte und "prorussischen Separatisten" in der von ihnen regierten „Republik Donezk“ dringt kaum etwas an die Öffentlichkeit. Und doch scheint es ihn zu geben. Ein Beispiel lieferte der Künstler Serhij Zacharow. Im kleinen vertrauten Kreis erwuchs der Gedanke, gegen die neuen Herren in Form von Karikaturen zu protestieren.
Also machte sich Zacharow an die Arbeit. Er erstellte insgesamt zehn Karikaturen, die er in seiner Werkstatt fertigte, um sie in Blitzes Eile im Zentrum der Stadt anzubringen und von einem Kollegen fotografieren zu lassen.
Die wohl ausdruckstärkste Karikatur betrifft Igor Girkin, einen russischen Geheimdienstoffizier, der in Donezk als Verteidigungsminister fungiert. Sein Bildnis erschien an einer Wand, die Pistole an der Schläfe, mit dem Werbeslogan „Just do it“ versehen. Lange konnten seine Werke nicht betrachtet werden. Einige beseitigte man bereits nach 30 Minuten, andere waren zwei Tage lang zu sehen. Aus einem Versteck beobachtete Zacharow die überwiegend positive Reaktion der Passanten. Er konnte mit seiner Aktion zufrieden sein, zumal die Karikaturen nach Kiew gelangten und dort in den Medien veröffentlicht wurden.
Aber Zacharow bezahlte für seinen Widerstand einen hohen Preis. Am 6. August 2014 wurde er auf offener Straße verhaftet, in einen Kofferraum verfrachtet und zum Sitz des von russischen Spezialkräften kontrollierten Sicherheitsdienstes gebracht. Damit begann für ihn eine Leidenszeit: Verhöre, Schläge, drei Scheinexekutionen. Zehn Tage lang war er an einen Mithäftling, einen ukrainischen Soldaten, gefesselt. Wie siamesische Zwillinge schliefen und aßen sie gemeinsam, ging zusammen auf die Toilette. Dann holte man ihn aus der Zelle und befahl ihm, einen Wagen mit Tarnfarben zu versehen. Nach getaner Arbeit ließ man ihn überraschender Weise frei.
Doch die Freiheit währte nur wenige Stunden. Als Sacharow am folgenden Tag am Sitz des Sicherheitsdienstes seine Dokumente zurück haben wollte, sperrte man ihn erneut ein. Nach drei Wochen Einzelhaft wurde er im Hotel Liverpool, dem lokalen russischen Hauptsitz, als Küchenhilfe eingesetzt. Nach zwei Wochen gewann er durch Vermittlung einer ranghohen  Persönlichkeit, deren Namen er aus Sicherheitsgründen geheim hält, ein weiteres Mal die Freiheit. Diesmal floh er ohne Verzug nach Kiew.
Quelle: Paweł Pieniążek, Banksy z Doniecka ( Ein Banksy aus Donezk) Tygodnik Powszechny vom 30. November 2014, S. 44-46.