Sonntag, 15. Februar 2015

Hält sich Putin 2015 an der Macht? - von Dr. Theo Mechtenberg



Die Frage scheint abwegig angesichts einer achtzigprozentigen Zustimmung seitens der Bevölkerung und der patriotischen Welle aufgrund der Annexion der Krim. Und doch wird sie gestellt, so etwa von dem Ex-Oligarchen, langjährigen Lagerhäftling und heute im Schweizer Exil lebenden Putin-Widersacher Michail Chodorkowski, der Putins Machtablösung in diesem Jahr für möglich hält. Grund ist die äußerst schwierige wirtschaftliche Lage Russlands mit ihren eventuellen politischen Auswirkungen. „Putin befindet sich heute im schwierigsten Moment seiner bereits fünfzehnjährigen Herrschaft. Die Pfeiler, auf denen bislang seine Macht basierte, werden brüchig und können die Konstruktion nicht mehr tragen. Alles weist darauf hin, dass sich die gegenwärtigen Probleme vertiefen werden und sich die Frage nach der Zukunft des russischen politischen Systems sehr deutlich stellen wird.“[1]
Die Brüchigkeit der Systempfeiler ist vor allem durch Russlands Abhängigkeit vom Energiesektor bedingt. Ist der Öl- und Gaspreis hoch, sind auch die Pfeiler stabil; sinkt er stark, geraten sie ins Wanken. Und eben dies ist seit Monaten der Fall. Der Öl- und Gaspreis müsste 100 Dollar pro Barrel betragen, damit Russlands Staatsausgaben gedeckt sind. Doch er lag zeitweise unter 50 Dollar pro Barrel,  und seine allmähliche Erholung ist nicht in Sicht.
Die Folgen sind für Russland verheerend: Verfall des Rubels; seine Stützung durch massive Intervention der russischen Zentralbank, wodurch Russlands Währungsreserven beträchtlich geschrumpft sind; eine Abstufung der Kreditwürdigkeit Russlands durch die US-Ratingagentur Standard & Por’s  auf „Ramschniveau“; enormer Kapitalabfluss; hohe Verschuldung der großen Konzerne, die dringend Kredite benötigen, sie aber – auch aufgrund der Sanktionen – immer schwerer bekommen und wenn, dann zu hohen Zinsen; eine tendenzielle Verarmung der Bevölkerung und ein dadurch bedingter sozialer Zündstoff; Engpässe bei von Sanktionen betroffenen Importgütern.
Gefährlich für Putin könnte auch die für Russland typische Verflechtung von wirtschaftlicher und politischer Macht werden. Hinter den großen Konzernen stehen Oligarchen mit politischem Einfluss. Sie haben durch den Verfall des Gas- und Ölpreises sowie des Rubels beträchtliche Verluste erlitten und sind daher mit der gegenwärtigen Situation unzufrieden. Zudem kommt es unter ihnen zu Rivalitäten um die Verteilung staatlicher Gelder, die sie angesichts der Verschuldung ihrer Konzerne wie Rosnieft, Novatek und Gasprom dringend benötigen. Weil das politische System Putins im Grunde weder einer Zivilgesellschaft noch rechtsstaatlicher Institutionen bedarf, ist ihr Konsens für den Machterhalt Putins bedeutsam. Fehlt er, könnte dies Putins Macht bedrohen.
Hält die für Russland äußerst schwierige Lage weiter an, sind zwei gegensätzliche Szenarien denkbar: Eine Ablösung Putins sowie eine gewisse Liberalisierung russischer Politik mit dem Bemühen um eine Verständigung mit dem Westen. Oder auch das Gegenteil, nämlich die Unterdrückung aller sich in der Gesellschaft regenden Proteste, einschließlich der Widerstände seitens der politisch einflussreichen Wirtschaftselite, verbunden mit der Inszenierung eines verstärkt aggressiven Patriotismus sowie eines weiteren Anheizens des kriegerischen Konflikts mit der Ukraine, wodurch sich die Beziehungen Russlands zum Westen weiter verschlechtern würden.
Sollte sich jedoch der Öl- und Gaspreis wieder erholen und der Westen der Sanktionen müde werden, dann könnte sich Putin an der Macht halten und 2018 bei den nächsten Scheinwahlen für eine vierte Amtszeit bestätigen lassen. Doch auch das wäre für Russland keineswegs eine erfreuliche Perspektive, denn das von der Höhe des Öl- und Gaspreises abhängige und auf den Konsens der wirtschaftspolitischen Elite angewiesene System wäre weiterhin zu einer Modernisierung nicht in der Lage und bliebe höchst krisenanfällig.


[1] Wojciech Konończuk, Czy Putin przetrawa (Überdauert Putin), Tygodnik Powszechny vom 4. Januar 2015, S. 10. Dieser Artikel beruht im Wesentlichen auf diesem Text.