2007 kam Luke Harding als Korrespondent des „Guardian“ nach
Moskau. 2011 wurde er als erster westlicher Journalist nach dem „Kalten Krieg“
des Landes verwiesen. Seine Russlanderfahrungen aus dieser Zeit hat er in dem
2012 auf Deutsch erschienenen Buch „Mafiastaat. Ein Reporter in Putins
Russland“ beschrieben. Darin zeigt er ein nach innen despotisches, nach außen
gefährliches Russland. Anfang des Jahres erteilte er dem Krakauer „Tygodnik
Powszechny“ ein Interview.[1]
Zunächst berichtet Harding über die Schikanen des russischen
Geheimdienstes, denen er und seine Familie in jenen Jahren ausgesetzt waren.
Sie seien aber nichts im Vergleich zu dem, was kremlkritische russische
Journalisten zu erdulden hätten. Seit den 1990er Jahren seien 54 von ihnen
ermordet worden.
Auf die Frage, ob es ähnlich wie während des stalinistischen
Russlands der 1930er Jahre auch heute „nützliche Idioten“ gibt, antwortet
Harding mit Verweis auf die in mehreren westlichen Sprachen, darunter auch auf
Deutsch, sendende Fernsehstation „Russia Today“. Unter dem Deckmantel einer
Kritik am Neoliberalismus gelänge es dem Sender, viele westliche Menschen,
besonders solche mit linken Auffassungen, zu beeinflussen. „Die Russland nicht
kennen und RT einschalten, gewinnen die Überzeugung, dass es sich um eine
hervorragende Station handelt: weil antiamerikanisch und antiimperialistisch.
Eine leider wirksame Waffe. Kritik an Putin gibt es dagegen in RT nicht. Ziel
ist eine Schwächung des Westens.“
Harding bestätigt auch die in „dasostblog“ bereits dargelegte
Propagandamethode, durch eine verlogene „Gegenerzählung“ Verwirrung und
Unsicherheit zu stiften.
Putin sei es zudem gelungen, die westlichen Politiker über
seine wahren Absichten zu täuschen. Als Beispiel verweist er auf Barack Obama,
der Dmitrij Medwedew für liberaler als Putin sowie für durchaus kooperativ
gehalten und dabei gänzlich übersehen habe, dass selbst in der Zeit, als
Medwedew Präsident war, allein Putin die Macht in Händen gehabt habe. Erst die
Annexion der Krim habe den westlichen Politikern die Augen geöffnet.
Was die westlichen Sanktionen betrifft, ist Harding der
Meinung, dass diese Putins aggressives Vorgehen gegen die Ukraine kaum stoppen
werden. Aber sie würden die russische Machtelite, die sich zugleich auf Kosten
des Staates bereichere, treffen. Sie verfüge über Milliarden von Dollar. Diese
Leute würden als „russische Patrioten“ gelten und schickten ihre Kinder in
teure westliche Internate.
Aber „die mit dem Kreml verbundenen Leute leben in ständiger
Unsicherheit, was das Schicksal ihres Reichtums betrifft. Sie bringen ihn aus
Russland, verbergen ihn im Westen. Wir haben es also mit der Errichtung eines
Imperiums und mit seiner gleichzeitigen Ausraubung zu tun. Auch Putin schaffte
in Russland viel Geld beiseite[2],
so dass, falls irgendwann dort eine ehrliche Regierung besteht, das erste, was
diese machen muss, Putins Strafverfolgung und seine Verhaftung ist – zusammen
mit seinem Anhang. Deshalb muss Putin bis zuletzt im Amt bleiben. Das allein
garantiert, dass seine Gruppe die angesammelten Reichtümer nutzen kann. Ich
vermute, Putin bleibt bis zum Ende seines Lebens Präsident. Wenn er den Kreml
verlässt, dann in der Horizontale.“
Aus dieser ständigen Unsicherheit resultiere die Angst vor
einem Moskauer Majdan. „Denn wenn das zu einem beträchtlichen Teil
russischsprachige Kiew imstande ist, sich Wiktor Janukowitsch zu widersetzen,
einem korrupten und despotischen Führer, der Milliarden von Dollar stahl, wie
hat Putin dann die Garantie, dass die Moskauer eines Tages nicht das Gleiche
tun?“
Harding endet sein Interview mit einem optimistischen
Ausblick. Er glaubt, dass auf lange Sicht die gegenüber Putin kritischen Kräfte
in Russland siegen werden. „Wenn wir uns die russische Geschichte anschauen,
dann gewinnen wir die Überzeugung, dass sich lange Zeit in diesem Land nichts
Besonderes tut… Aber dann bricht eine Revolution aus.“