Sonntag, 15. Februar 2015

Luke Harding über Putins Russland - von Dr. Theo Mechtenberg



2007 kam Luke Harding als Korrespondent des „Guardian“ nach Moskau. 2011 wurde er als erster westlicher Journalist nach dem „Kalten Krieg“ des Landes verwiesen. Seine Russlanderfahrungen aus dieser Zeit hat er in dem 2012 auf Deutsch erschienenen Buch „Mafiastaat. Ein Reporter in Putins Russland“ beschrieben. Darin zeigt er ein nach innen despotisches, nach außen gefährliches Russland. Anfang des Jahres erteilte er dem Krakauer „Tygodnik Powszechny“ ein Interview.[1]
Zunächst berichtet Harding über die Schikanen des russischen Geheimdienstes, denen er und seine Familie in jenen Jahren ausgesetzt waren. Sie seien aber nichts im Vergleich zu dem, was kremlkritische russische Journalisten zu erdulden hätten. Seit den 1990er Jahren seien 54 von ihnen ermordet worden.
Auf die Frage, ob es ähnlich wie während des stalinistischen Russlands der 1930er Jahre auch heute „nützliche Idioten“ gibt, antwortet Harding mit Verweis auf die in mehreren westlichen Sprachen, darunter auch auf Deutsch, sendende Fernsehstation „Russia Today“. Unter dem Deckmantel einer Kritik am Neoliberalismus gelänge es dem Sender, viele westliche Menschen, besonders solche mit linken Auffassungen, zu beeinflussen. „Die Russland nicht kennen und RT einschalten, gewinnen die Überzeugung, dass es sich um eine hervorragende Station handelt: weil antiamerikanisch und antiimperialistisch. Eine leider wirksame Waffe. Kritik an Putin gibt es dagegen in RT nicht. Ziel ist eine Schwächung des Westens.“
Harding bestätigt auch die in „dasostblog“ bereits dargelegte Propagandamethode, durch eine verlogene „Gegenerzählung“ Verwirrung und Unsicherheit zu stiften.
Putin sei es zudem gelungen, die westlichen Politiker über seine wahren Absichten zu täuschen. Als Beispiel verweist er auf Barack Obama, der Dmitrij Medwedew für liberaler als Putin sowie für durchaus kooperativ gehalten und dabei gänzlich übersehen habe, dass selbst in der Zeit, als Medwedew Präsident war, allein Putin die Macht in Händen gehabt habe. Erst die Annexion der Krim habe den westlichen Politikern die Augen geöffnet.
Was die westlichen Sanktionen betrifft, ist Harding der Meinung, dass diese Putins aggressives Vorgehen gegen die Ukraine kaum stoppen werden. Aber sie würden die russische Machtelite, die sich zugleich auf Kosten des Staates bereichere, treffen. Sie verfüge über Milliarden von Dollar. Diese Leute würden als „russische Patrioten“ gelten und schickten ihre Kinder in teure westliche Internate.
Aber „die mit dem Kreml verbundenen Leute leben in ständiger Unsicherheit, was das Schicksal ihres Reichtums betrifft. Sie bringen ihn aus Russland, verbergen ihn im Westen. Wir haben es also mit der Errichtung eines Imperiums und mit seiner gleichzeitigen Ausraubung zu tun. Auch Putin schaffte in Russland viel Geld beiseite[2], so dass, falls irgendwann dort eine ehrliche Regierung besteht, das erste, was diese machen muss, Putins Strafverfolgung und seine Verhaftung ist – zusammen mit seinem Anhang. Deshalb muss Putin bis zuletzt im Amt bleiben. Das allein garantiert, dass seine Gruppe die angesammelten Reichtümer nutzen kann. Ich vermute, Putin bleibt bis zum Ende seines Lebens Präsident. Wenn er den Kreml verlässt, dann in der Horizontale.“
Aus dieser ständigen Unsicherheit resultiere die Angst vor einem Moskauer Majdan. „Denn wenn das zu einem beträchtlichen Teil russischsprachige Kiew imstande ist, sich Wiktor Janukowitsch zu widersetzen, einem korrupten und despotischen Führer, der Milliarden von Dollar stahl, wie hat Putin dann die Garantie, dass die Moskauer eines Tages nicht das Gleiche tun?“
Harding endet sein Interview mit einem optimistischen Ausblick. Er glaubt, dass auf lange Sicht die gegenüber Putin kritischen Kräfte in Russland siegen werden. „Wenn wir uns die russische Geschichte anschauen, dann gewinnen wir die Überzeugung, dass sich lange Zeit in diesem Land nichts Besonderes tut… Aber dann bricht eine Revolution aus.“


[1] Władza i Kasa (Herrschaft und Kasse), Tygodnik Powszechny vom 04. Januar 2015, S. 14 – 17.
[2] Nach Angaben des „Guardian“ könnte Putin über ein Vermögen von 40 Milliarden Dollar verfügen.