Diese Frage stellt Katja Petrowskaja, die in der
Bundesrepublik lebende Ukrainerin und deutschsprachige Schriftstellerin. In
einem bewegenden, am 28. Dezember 2014 im Feuilleton der Frankfurter
Allgemeinen Sonntagszeitung erschienenen Beitrag beklagt sie eine mangelnde
europäische Solidarität mit den Opfern des Krieges in ihrer Heimat. Sie lebe in
zwei Welten und in der dadurch bedingten inneren Zerrissenheit. Den Tag
verbringe sie mit Reisen, Lesungen, Gesprächen in einem friedlichen Land, doch
nachts öffne sie ihren Laptop, „und der Krieg sprang mich an“: Tausende
erschossener Menschen, Millionen auf der Flucht, unzählige Kriegswaisen, ein
Vegetieren in grauen Kellern bei Hunger und Frost.
Und wie stehe es um die Reaktion der Europäer auf den Krieg
in der Ostukraine? „Tausende Tote und keine Lösung in Sicht, obwohl wir längst
einen gemeinsamen Plan aller europäischen Kräfte dafür haben müssten, wie man
die Aggression stoppt und die Menschen aus der Not befreit.“ Mehr noch: Man
verkenne die Tatsachen, diffamiere den Aufstand auf dem Majdan „als
nationalistisch oder gar faschistisch“, wo doch, anders als in manchen
europäischen Staaten, die Rechtsextremisten bei den jüngsten Wahlen nicht einen
Sitz im Parlament erringen konnten. Die russische Aggression werde weitgehend
mit Schweigen übergangen; es werde so getan, als gäbe es sie nicht. „Wieder
Krieg in Europa? Nicht in unserem Namen“, so der Aufruf der 60 Prominenten,
denen es angeblich um Europa gehe und die mit keinem Wort Solidarität mit den
Opfern bekunden, dafür aber das russische Großmachtstreben tolerieren würden.
Katja Petrowskaja sieht durch den „’Fall Ukraine’ das ganze
europäische Glossar von Wert und Wahrheit ins Wanken geraten.“ Die Ukrainerin
voller Sehnsucht nach Europa fühlt sich nun „fremd und missachtet in Europa“.
Sie vermisse, was sie so sehr gewünscht hat, „eine große europäische
Solidaritätswelle, eine Stimme wie die von ‚Mandela’ oder ’Martin Luther King’“,
die zu den Menschen durchdringt, „die Empörung erzeugt“ und Solidarität
bewirkt.
Die scheint gegenwärtig auf ukrainische Immigranten
beschränkt. Sie verkaufen Kleidung auf den Flohmärkten, um Geld in die Ukraine
schicken zu können, sammeln Medikamente, Blutgerinnungspflaster, Decken,
Tragbahren für Verwundete. Sie bilden eine „Facebook-Community“ von Helfern,
die „10 000 Flüchtlinge aus der Ost-Ukraine in Kiew versorgt.“ Katja
Petrowskaja schließt ihren Beitrag mit der flehenden Bitte um Hilfe. Wer helfen
möchte, finde dazu Hinweise unter www.facebook.com/SpendenUkraine.