Sonntag, 15. Februar 2015

Missachtet Europa sich selbst? - von Dr. Theo Mechtenberg



Diese Frage stellt Katja Petrowskaja, die in der Bundesrepublik lebende Ukrainerin und deutschsprachige Schriftstellerin. In einem bewegenden, am 28. Dezember 2014 im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung erschienenen Beitrag beklagt sie eine mangelnde europäische Solidarität mit den Opfern des Krieges in ihrer Heimat. Sie lebe in zwei Welten und in der dadurch bedingten inneren Zerrissenheit. Den Tag verbringe sie mit Reisen, Lesungen, Gesprächen in einem friedlichen Land, doch nachts öffne sie ihren Laptop, „und der Krieg sprang mich an“: Tausende erschossener Menschen, Millionen auf der Flucht, unzählige Kriegswaisen, ein Vegetieren in grauen Kellern bei Hunger und Frost.
Und wie stehe es um die Reaktion der Europäer auf den Krieg in der Ostukraine? „Tausende Tote und keine Lösung in Sicht, obwohl wir längst einen gemeinsamen Plan aller europäischen Kräfte dafür haben müssten, wie man die Aggression stoppt und die Menschen aus der Not befreit.“ Mehr noch: Man verkenne die Tatsachen, diffamiere den Aufstand auf dem Majdan „als nationalistisch oder gar faschistisch“, wo doch, anders als in manchen europäischen Staaten, die Rechtsextremisten bei den jüngsten Wahlen nicht einen Sitz im Parlament erringen konnten. Die russische Aggression werde weitgehend mit Schweigen übergangen; es werde so getan, als gäbe es sie nicht. „Wieder Krieg in Europa? Nicht in unserem Namen“, so der Aufruf der 60 Prominenten, denen es angeblich um Europa gehe und die mit keinem Wort Solidarität mit den Opfern bekunden, dafür aber das russische Großmachtstreben tolerieren würden.
Katja Petrowskaja sieht durch den „’Fall Ukraine’ das ganze europäische Glossar von Wert und Wahrheit ins Wanken geraten.“ Die Ukrainerin voller Sehnsucht nach Europa fühlt sich nun „fremd und missachtet in Europa“. Sie vermisse, was sie so sehr gewünscht hat, „eine große europäische Solidaritätswelle, eine Stimme wie die von ‚Mandela’ oder ’Martin Luther King’“, die zu den Menschen durchdringt, „die Empörung erzeugt“ und Solidarität bewirkt.
Die scheint gegenwärtig auf ukrainische Immigranten beschränkt. Sie verkaufen Kleidung auf den Flohmärkten, um Geld in die Ukraine schicken zu können, sammeln Medikamente, Blutgerinnungspflaster, Decken, Tragbahren für Verwundete. Sie bilden eine „Facebook-Community“ von Helfern, die „10 000 Flüchtlinge aus der Ost-Ukraine in Kiew versorgt.“ Katja Petrowskaja schließt ihren Beitrag mit der flehenden Bitte um Hilfe. Wer helfen möchte, finde dazu Hinweise unter www.facebook.com/SpendenUkraine.