Die russische Klassik besagt, dass „Wahrheit“ sich nur durch
metaphysische, theologische Inhalte ausdrücken lässt und ihre Erkenntnis einen transrationalen,
irrationalen Charakter besitzt. „Russland lässt sich mit dem Verstand nicht
erfassen“ – wie oft haben wir das gehört?
Ist die russische Geschichte faktisch zerrissen, intuitiv, und
besteht sie aus Paradoxien? In Russland haben wir es immerfort mit einem Gefühl
der Andersartigkeit, der Besonderheit gegenüber dem restlichen Europa zu tun.
Dieses in Mentalität und Kultur wurzelnde Gefühl zeigt sich auch heute im
Bewusstsein einer besonderen Sendung, die Russland angeblich zu erfüllen hat,
sowie in einer religiös-geistigen Art, die eigene Geschichte zu durchleben bei
gleichzeitiger negativen Einschätzung westlicher Kultur, Religion, sozialer
Beziehungen und westlichen Lebensstils. Die Russen wollen nicht nur der
westlichen Kultur nicht nacheifern, sondern sie negieren geradezu ihre
Errungenschaft. Sie konstruieren ihre Identität im Kontrast zu ihr.
Großmacht wie Luft zum Atmen
Auch wenn es nach einem Paradox aussieht, so erfuhr doch diese
russische Überzeugung in der kommunistischen Epoche noch eine Verstärkung, und nach
dem Untergang der UdSSR sowie in der kurzen Jelzin-Phase der „Depression“ kehrte
sie mit gleicher Stärke zurück. Das Gefühl der Mission verband sich mit Größe,
die in einem typisch russischen Imperialismus ausartet. Die 300 Jahre
vergangener Großmacht wurden für die Russen gleichsam zu einem Element sie
umgebender Luft, zu einem Teil eines mentalen Blutkreislaufes.
Der durchschnittliche Bewohner von Moskau, Kasan oder
Woronesch wird selten von ökonomischen und sozialen Schwierigkeiten berichten,
die – bereits lange vor der jetzigen Krise – in seinem Land ins Auge fallen (z.
B. negatives demographisches Wachstum, Alkoholismus, Armut, allgemeine
Korruption und Rechtlosigkeit). Dagegen wird er vor allem davon sprechen, wie
effektiv Russland mit den Chinesen, Europa oder den USA rivalisieren soll – und
was zu tun ist, um nicht die Kontrolle über die Ukraine zu verlieren.
Doch der Imperialismus als Wunsch nach Dominanz genügt allein
nicht – und verbindet sich mit dem russischen Messianismus des 19.
Jahrhunderts. „Das Königreich des Geistes – schrieb Nikolai Berdjajew (anfangs
Anhänger der Bolschewiken, später Emigrant auf französischem Boden und
orthodoxer Philosoph) – nahm immer die Gestalt des Cäsarenreiches an. Der
Messianismus wurde auf das Cäsarenreich übertragen, während er auf das Königreich
des Geistes, auf das Reich Gottes ausgerichtet sein soll.“
Die Verbindung von
Großmachtanspruch mit dem ständig in der russischen Mentalität vorhandenen
Messianismus sowie mit dem Gefühl der „Andersartigkeit“ schaffen eine starke
und überzeitliche Dosis, welche die russische Gesellschaft gegenüber
historischen Neubewertungen verschiedener Art immunisiert – angefangen von der
Anerkennung und ehrlichen Satisfaktion für die Verbrechen von Katyń über eine
endgültige Beerdigung des stalinistischen Erbes bis hin zum politischen
Verzicht auf den Begriff des „nahen
Auslands“.
Schwierigkeit
mit der Intelligenzia
Das ist, leider, nicht
verwunderlich. Das russische Verlangen nach „Andersartigkeit“ bildet das
fundamentale Prinzip russischer Geschichtsphilosophie, die von geistigen,
ethnographischen und geographischen Faktoren ihre Nahrung bezieht. Die
Bedeutung dieses letzten Faktors beschreibt der orthodoxe Geistliche Joann Kołogriwow:
„Gewaltige monotone Ebenen, grenzenlose Ferne, wo sich unermessliche
Unendlichkeit und Übernatürlichkeit gleichsam zu einem Teil alltäglichen
Erlebens fügen, bestimmen das Bild dieser Seele und ihrer geistigen Elemente.
[…] Sie selbst kennt keine Grenzen. Das Gefühl exakt definierter Form, der sich
Lateiner und Griechen so rühmen, ist ihr fremd. In der russischen Seele wüten,
ähnlich wie über den heimischen Steppen, Gewitter und toben Stürme.“
Russland verbleibt im
philosophischen Verbund mit dem geographischen Raum, ist dank dem
unvorhersehbar. Daher kann es nicht in westlichen, also rationalen Kategorien
verstanden werden. Boris Wyszesławcew (Philosoph und Historiker, seit 1922
Emigrant) schrieb: „Das russische Element empfinden wir in jedem Russen als den
für Fremde unbegreifbaren und unüberschreitbaren Kern der Seele russischer
Natur. Man muss zugeben, dass selbst für uns dieses Element nicht gänzlich erfassbar
erscheint. Mit dem Verstand ist Russland nicht zu begreifen…“
Rational genommen war die soziale
Gruppe, welche die östliche Sphinx aus der imperialen Höhe auf die Erde
zurückführen konnte – und soll –, die russische Intelligenzia (oder ist es
immer noch?)
Im 19. Jahrhundert wurde die
Intelligenzia – ob durch Slawophile oder „Narodniki“ – in Gegensatz gebracht zu
der angeblich wahren russischen Nation (d. h. vor allem zum Bauerntum). Man etikettierte sie
verächtlich als obszecztwo (Clique).
Man beschuldigte – und beschuldigt weiterhin – die Intelligenzia aller von
außen in die russische Kultur implantierten „Sünden“ wie Liberalismus,
kommunistische Revolutionierung oder katastrophaler Okzidentalismus.
Extremismus statt Kompromiss
Diese Vorwürfe finden Ausdruck in der Losung „zurück zum
Boden“, d. h. Rückkehr zur „wahren“ russischen Weltanschauung. Die heutigen Anhänger dieser Idee meinen,
dass der Triumpf des Kommunismus in Russland das ideale Beispiel dafür bildet,
wozu eine degenerierte Intelligenzia fähig sein kann. Diese Auffassung zeigt
zugleich, wie gespalten und uneins diese Klasse war und ist. Wie Sergei
Bulgakow (von vielen als der vielleicht bedeutendste orthodoxe Denker des 20.
Jahrhunderts angesehen; gleichfalls Emigrant) schrieb: „Die Seele der
russischen Intelligenzia ist ein Gewebe aus Gegensätzen, so wie das gesamte
russische Leben in sich widersprüchliche Gefühle weckt.“
Was dennoch die Intelligenzia verband, das war vor allem die
fest verankerte Überzeugung einer gegenüber anderen Ländern radikal größeren
Unabhängigkeit in der Beziehung zum Staat, zu den gesellschaftlichen Strukturen
sowie zu den stets sie bestimmenden partikularen Interessen. Nicht zufällig
verstand man nach Überzeugung der radikalen russischen Intelligenzia im
Kompromiss einen „amoralischen Pakt mit dem Bösen“.
Die russische Intelligenzia definierte sich durch die ihr
eigene Freiheit und Kompromisslosigkeit sowie durch ihre, wie sie meinte, nirgendwo
sonst anzutreffende Offenheit für äußerst unterschiedliche und radikale
theoretische Inspirationen. Daher gewann gerade hier der revolutionäre
Marxismus die Oberhand, daher entwickelte sich in Russland auch der Anarchismus
so fruchtbar, und der „individuelle Terror“ der Narodniki und linken
Sozialrevolutionäre faszinierte weit mehr als andere sonstige reformerische
Gedanken.
Daher müsste, um der guten Sache willen, die russische
Intelligenzia sich selbst kritisch hinterfragen, sich über einen Teil ihrer Tradition
Rechenschaft geben – und sich erst dann neu definieren.
Marasmus und Maximalismus
Vor über 300 Jahren, an der Wende des 17. zum 18.
Jahrhundert, minderten die Reformen Peter I. – bezeichnenderweise geplant als
Übernahme westlicher Kultur und ihre Synthese mit der russischen Tradition –
nicht die Kluft zwischen dem Westen und Russland, sondern vertiefte sie.
„Wir gehören zu keiner der großen Gemeinschaften menschlicher
Geschichte – schrieb im 19. Jahrhundert der Philosoph Piotr Czadajew im
‚Philosophischen Brief‘ (der wohl kritischste und pessimistischste Text
bezüglich der Geschichtlichkeit Russlands) – wir gehören weder zum Westen noch
zum Osten und besitzen weder die Tradition
des einen noch des anderen. Wir stehen gleichsam außerhalb der Zeit, wir
werden von der allgemeinen Erziehung und Bildung der Menschheit nicht erfasst.“
Das 19. Jahrhundert - das Jahrhundert des Modernismus und der
Neuzeit – stieß auf russischer Seite mit dem zaristischen Absolutismus und der
Bejahung der Selbstherrschaft zusammen, aber auch mit einem Gefühl der Schwäche
und Minderwertigkeit. Das Bedürfnis nach einem dauerhaften Mythos der Größe nahm
nicht ab, sondern verstärkte sich, ebenso der Wahnwitz, was schließlich die
Wahrnehmung Russlands als eines Landes bewirkte, in dem „alles möglich ist“.
Auch das sacrum
passt als Kategorie gut auf unseren Nachbarn. Der einzigartige Einfluss des
religiösen Faktors bedingte eine metaphysische Natur des Verständnisses des
eigenen Schicksals – und eben dieses Element erlaubte es, aus der Geschichte Russlands
etwas zu schlussfolgern, was man den nationalen Charakter nennen kann.
Zugegeben, auch in der Geschichte anderer Gesellschaften kann man die Neigung
finden, der eigenen Geschichte eine messianische Deutung zu verleihen.
Schockierend ist allerdings der geistige Maximalismus der Russen, der sich
in der Gewissheit vom Kommen des
„Himmelreiches“ ausdrückt – und in dem dazu im Kontrast stehenden
Handlungsmangel zur Verwirklichung dieses Traums.
Die Idee „alles oder nichts“, d. h. einerseits Marasmus und
die Deutung der Wirklichkeit nach dem Prinzip „Gott ist hoch, der Zar weit weg“
sowie andererseits der oft ungestillte Trieb nach jeder revolutionären
Konzeption – das sind zwei Seiten ein und derselben Medaille.
Orthodoxie oder Zardoxie?
Es lohnt sich, in diesem Zusammenhang auf den in der
ostkirchlichen Welt besonderen Charakter der russischen Orthodoxie aufmerksam
zu machen. Besonders eindrücklich stellt sich dies im Staats- und
Herrschaftskult als höchste Heiligkeit dar. Das Begriffspaar „Heilige Rus“
wurde als untrennbar verstanden; Rus musste ihrer Natur nach heilig sein.
In diesem Kontext scheint die Feststellung von grundsätzlicher
Bedeutung, dass wir es in Russland nicht mit Orthodoxie, sondern mit Zardoxie
zu tun haben, wie Boris Uspeńskij und Wiktor Żywow in dem Buch „Zar und Gott.
Semiotische Aspekte der Sakralisierung der Monarchie in Russland“
bezeichnenderweise schreiben: „Die Sakralisierung (des Zaren) umfasst
verschiedene Sphären – staatliche Ämter, historisches Bewusstsein, Liturgie,
kirchliche Lehre […], und schließlich gleichfalls die Geistigkeit. Darüber
hinaus gewinnt die zaristische Selbstherrschaft den Status eines
Glaubensdogmas. Der Kult des Zaren steht in einer Reihe mit dem Heiligenkult,
[…] er ist eine notwendige Bedingung der Religiosität.“
Man kann natürlich einwenden, dass auch im westlichen Europa
die Idee des Königs als von Gott Gesalbten bekannt war. Dennoch gilt, dass mit
Ende des Mittelalters und dem Beginn der Renaissance diese Kategorie auf natürliche
Weise dem Vergessen anheimfiel. Dagegen erstreckte sich in Russland dieser
Prozess dank der „Epoche des Winterschlafs“ – wegen der einige Jahrhunderte
(vom 13. bis zum 15. Jahrhundert) währenden mongolischen Knechtschaft – über
einen beträchtlichen Zeitraum. Es gibt Historiker, die der Ansicht sind, dass
die Folgen des tatarischen Jochs weitreichend und für das weitere Schicksal
Russlands geschichtsträchtig waren.
Vom „Dritten Rom“ zur „Dritten
Internationale“
Ähnlich verhält es sich mit der berühmten Idee Moskaus als
„Drittem Rom“ (nach Rom und Byzanz). Diese vom Mönch Philotheus aus dem 16.
Jahrhundert stammende Formel – kurz nachdem Mitte des 15. Jahrhunderts die
Türken das „Zweite Rom“ bezwangen – spiegelt die Überzeugung der Russen, dass
sie das Christentum in reiner Form repräsentieren und als Nation von der
Vorsehung zur Weltführung berufen seien. Derweil zielt diese Einstellung im
Grunde auf Expansion; sie wird zum Zündstoff des Nationalismus, umgeben von
einer gefährlichen metaphysischen Rhetorik. Demnach sollte die Aufgabe Moskaus
darin bestehen, die Menschheit ins Paradies auf Erden zu führen. Einen Ort für
ein „Viertes Rom“ gab es in dieser Konzeption natürlich nicht – nach dem
„Dritten Rom“ kommt nur noch das Ende der Welt.
Diese Idee findet ihren Treibstoff im 19. Jahrhundert in den
russischen messianischen Konzeptionen. Auf ihre Weise greifen auf sie die
Denker zurück, für die sich die Eschatologie mit der Geschichtsphiosophie
verbindet. An die Stelle Moskau-Staat tritt zunehmend Moskau-Nation. Auf diese
Weise folgten die atheistischen Bolschewiken, bewusst oder unbewusst, - wie der Historiker Richard Pipes treffend
meinte – „der Spur der russischen Geistlichen des 16. Jahrhunderts, die nach
dem Fall Konstantinopels die Hauptstadt ihres Landes […] zum allerletzten Rom
ausriefen.“
In beiden Fällen ging es nicht nur um die Feststellung des
Faktums, dass – analog – nach dem Fall von Byzanz (dem „Zweiten Rom“) Moskau
zum Zentrum der Orthodoxie (zum „Dritten Rom“) und nach dem Fall der „Zweiten
Internationale“ zum Zentrum der revolutionären Bewegung das bolschewistische
Moskau die Hauptstadt der „Dritten Internationale“ wurde. Wichtig war hier auch
der Ausschluss weiterer Sukzessionen: Einzig und allein Russland soll von da an
das Zentrum revolutionärer Politik sein, indem es seine Existenz mit dem Ende
menschlicher Geschichte verbindet, also mit dem Sieg des Kommunismus.
Zeit für ein „fünftes Imperium“
Glänzend verstand dies Stalin – im Gegensatz zu den
„internationalen“ Bolschewiken mit Trotzki, Radek oder Kamieniew an der Spitze,
die diese Hauptstadt nach Berlin, London oder Paris verlegen wollten. Nichts
falscher als dies, hätte Stalin sagen können, denn der Kommunismus kann
sich nur verwirklichen, wenn er aus der
russischen Sendung hervor geht.
Die bolschewistische Revolution schuf somit - nur auf den
ersten Blick paradox – die Möglichkeit einer Revitalisierung mancher Inhalte
russischer nationaler und imperialer Kosmologie. Sie öffnete den Raum, in dem
eine weitere Utopie des Versuchs aufblühte, über den Rahmen der eigenen
Gemeinschaft hinaus zu gehen. In Gestalt der Sowjetunion wurde Russland erneut
zur „ Weltseele“, zum treibenden Motor, zur Avantgarde und führenden Kraft der
Vereinigung der Völker und Nationen. Mit der Lösung des „Rätsels“ der
Geschichte erfüllte es die seit Jahrhunderten dem Sinn russischer Idee
eingegebene Form. Die Struktur der russischen Geistigkeit bewirkte, dass die
Umwälzung von 1917 nur eine sozialistische und dann eine totalitäre sein
konnte.
Als Epilog der Idee des „Dritten Roms“ lässt sich sagen, dass
auch gegenwärtig ihre verschiedenen Mutationen sichtbar sind. Alexander
Prochanow – Chefredakteur der Moskauer Zeitung „Zawtra“ mit ihren den
„Nationalbolschewiken“ nahen Ansichten – bemerkt, dass die Russen zwei einander
widerstreitende Ideen leiten: die „rote“ und die „weiße“. Gemeint ist: Die Idee
„der Bruderschaft und der sozialen Gerechtigkeit“ sowie die Idee „großer
Bestimmung und russischen Glaubens“. Klar, auch ihres „geheimen Schicksals“.
Nach Prochanow ist heute die Zeit gekommen, das „fünfte
Imperium“ zu schaffen, nach den vorhergegangenen vier: das der Kiewer Rus und
Moskaus, aber auch das der Imperien der Romanows und Stalins. Dann „einen
soziale Wahrheit und nationale Schönheit die Patrioten“.
In der Falle der „ewigen Triade“
Im heutigen Russland unterliegen „Zukunft“ und „Vergangenheit“
einer starken Mythenbildung, welche die Form eines utopischen, idealen Status
annimmt. Dagegen wird das „Jetzt“ als Phänomen des Untergangs vergangener
Pracht behandelt – oder als heimlichen Beginn kommender großer Zukunft. In
einer nicht weit entfernten Perspektive erstrahlt am Horizont der „Moment“, an
dem Russland aus der Lethargie erwacht und seine schlafende Macht unter Beweis
stellt…
Daher bedienen sich die Russen im Unterschied zu anderen
Gesellschaften des historischen Gedächtnisses auf spezifische Weise; selten
dient es als Kern zur Bildung eines gesellschaftlichen Organismus, sondern
häufiger ist es ein Wegweiser ins Unbekannte. Dies zeigt treffend die russische
Triade: „Orthodoxie – Selbstherrschaft – Volkstum“, verstanden als
schöpferisches Prinzip für Russlands Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft.
Die ideologisierte „Perspektive“ russischer Kultur –
insbesondere die nicht so lange zurückliegende sowjetische – soll nicht die
Erfahrung, sondern die Haltung definieren. Sie soll zu Ideen, Enthusiasmus und
Hingabe inspirieren. „Der Status einer Großmacht wurde uns als Erbe vermacht
und nicht nur als Fundament unseres Bewusstseins und unserer Kultur, sondern
als Code der Struktur des russischen Staates“ – diese Worte stammen von Boris
Jelzin, dem ersten postsowjetischen Präsidenten Russlands, aber sie würden auch
gut auf Wladimir Putin passen.
Die Vision des gegenwärtigen Kremlherren scheint - wieder
einmal – dieselbe Formel der Enthüllung des „russischen Geheimnisses“ und der
Lösung des „russischen Rätsels“ zu sein. Sie aktualisiert eine Reihe von
archetypischen russischen Überzeugungen – um nur auf den traditionellen Kult
der Einheit und seiner angeblich erweckenden Kraft zu verweisen.
Wieder am Scheideweg
Wie der (der Opposition gegen Putin zugetane) Historiker
Jurij Afanasjew inzwischen schrieb „steht Russland heute wieder vor der Wahl:
Entweder das, was sich deutlich in der uns umgebenden Wirklichkeit abzeichnet –
tatarisch-byzantinisches Regieren, traditionelle russische Geopolitik,
sowjetischer Messianismus, alles verschlingende Korruption, Säuberung des
russischen politischen Raums – oder…“
Putin sagt, dass Russland ein großes Land war und bleibt; er
unterstreicht seine geopolitische, ökonomische Bedingtheit und kulturelle
Bedeutung, die es geschichtlich gestaltet haben. Damit gibt er zu, dass die
imperiale Denkweise der Russen über sich selbst gleichfalls heute nicht an
Bedeutung verlieren darf. Andererseits bemerkte der bekannte Dissident Alexander
Solschenizyn zu sowjetischer Zeit, dass Großmachtdenken „erniedrigt und
ausbeutet“; er sprach sich für die Notwendigkeit aus, sich vom „geopolitischen
Großmachtdenken, vom imperialen Rausch“ loszusagen.
Ob jedoch irgendwann Russland diesen Weg einschlägt?
Quelle:
Mikołaj Mirowski, Rosja w Pułapce wiecznej tajemnicy,
Tygodnik Powszechny vom 18. Januar 2015, S. 46-49.
Der Autor ist
Historiker und befasst sich mit der Geschichte Osteuropas sowie mit dem Problem
historischen Gedächtnisses. Er ist Verfasser des Buches „Lew Trotzkis
permanente Revolution“ (2013).